
Schöne Aussichten.
BILANZ Homes 02/2010 vom 4. Juni 2010
Eine heruntergekommene Tankstelle in Berlin-Schöneberg hat eine wunderbare Wandlung vollzogen. Eingerahmt von einem Garten und einem Ergänzungsbau, beherbergt das Bauwerk nun einen Kunstraum und ein aussergewöhnliches Zuhause.
Jürg Judin radelte während Jahren an der verwaisten Tankstelle vorbei – in einem schäbigen Teil Berlin-Schönebergs. Die verblichene Schönheit des Gebäudes mit seinem filigranen Vordach und den für die fünfziger Jahre typischen sanft gerundeten Formen hatte es ihm angetan. «Zu verkaufen», proklamierte ein Schild hinter den Scheiben des alten Kassenhäuschens.
«Es ist merkwürdig», erinnert sich der Schweizer Kunsthändler, «solange das Schild dort war, malte ich mir aus, was man mit dem Gebäude alles machen könnte, unternahm aber nie etwas. Als das Schild eines Tages verschwunden war, war das wie ein Schock für mich, und ich fragte mich: Wer zum Teufel hat sich meine Tankstelle geschnappt? Irgendwie fühlte es sich an wie die platonische Schulliebe, die eines Tages auftaucht und verheiratet ist.»

In der alten Werkstatt befindet sich die Küche. Der Besitzer und leidenschaftliche Hobbykoch liess sich eine professionelle Edelstahlküche einbauen (MKN). Die Tulpenstühle und -tische sind Originale aus den fünfziger Jahren (von Knoll).
Als Judin die Besitzerin der Tankstelle, Shell, anrief, stellte sich heraus, dass das Schild bloss heruntergefallen war. «Alle gingen davon aus, dass das Gebäude abgerissen würde.» Shell hatte mit dem Verkauf gezögert, weil das Unternehmen für allfällige Altlasten im Boden verantwortlich war. Man schloss die Tankstelle in den frühen achtziger Jahren in der Absicht, hier eine moderne Station zu bauen. Doch ein neues Gesetz erlaubte an diesem Ort keine Tankstelle mehr.
Jürg Judin liess eine Expertise machen. Der Boden war tatsächlich kontaminiert, zur grossen Überraschung nicht von der Tankstelle, sondern vom Mietshaus aus dem späten 19. Jahrhundert, das hier bis zum Zweiten Weltkrieg gestanden hatte. Öl und Kohle waren in den Boden gesickert. Da der Verkauf Shell von jeglichen Verpflichtungen enthob, willigte das Unternehmen in den Handel ein.
Der nächste Schritt war, eine Baubewilligung zu erhalten. Die Behörden zeigten sich nicht eben begeistert von den Plänen des neuen Besitzers, die Tankstelle in ein Wohnhaus zu verwandeln. Sie wollten, dass der halböffentliche Charakter des Ortes bewahrt bleibe. Kein Problem für Judin, der bereits eigene Kinos und Kunstgalerien in Zürich geführt hatte: Er beschloss, in sein künftiges Zuhause einen öffentlichen Kunstraum zu integrieren.

Das Erdgeschoss des Neubaus beherbergt die privaten Gemächer. Blick durch die Bibliothek auf die Bepflanzung des Innenhofs.
Für die Renovation engagierte er das Berliner Architekturbüro BFS D Bröer Flachsbarth Schultz, das wiederum mit dem Architekten Thomas Brakel zusammenspannte, einem Experten für Gebäude der Moderne. «Mein Anliegen war», erklärt Judin, «dass die alte Architektur authentisch bleibt und der Neubau einen subtilen Hintergrund für den Bau aus den fünfziger Jahren darstellt.»
Die Architekten erhielten so viel von der originalen Substanz wie nur möglich, um die Authentizität des Bauwerks zu wahren.
Nachdem die Tankstelle 30 Jahre lang vernachlässigt worden war, zeigte sich das Bauwerk in einem traurigen Zustand. Das Glas der Fenster war herausgebrochen, die Fassaden waren von Graffiti verschmiert, und viele der alten Fliesen waren kaputt. Die Architekten versuchten, so viel Originalsubstanz wie möglich zu erhalten.

Im ehemaligen Kassenraum befindet sich das Speisezimmer mit einem riesigen Leuchter aus den fünfziger Jahren. Die Kacheln der Aussenwand sind original.
Glücklicherweise waren die gleichen Kacheln innen wie aussen benutzt worden, sodass die kaputten Exemplare an den Aussenwänden durch heil gebliebene von innen ersetzt werden konnten. Obschon neue Fensterrahmen günstiger gewesen wären, entschied sich der Besitzer für die Restauration der Originale: «Ich fürchtete, dass das authentische Flair verloren gehen würde, wenn wir zu viele Elemente ersetzten.»
Für die Gartenarchitektur liess sich der Gestalter von der Atmosphäre eines Fellini-Films inspirieren.
Die alten Scheiben des Kassenraumes allerdings waren nicht mehr zu gebrauchen, denn sie entsprachen den heutigen energetischen Ansprüchen nicht. Das Problem einer neuen Doppelverglasung war deren grünliche Färbung. Deshalb setzten die Architekten spezielles Laborglas ein, das komplett farblos bleibt. Das Resultat ist eine Glasfassade, die zwar hauchdünn und extrem zerbrechlich wirkt, das Gebäude jedoch perfekt isoliert. Eine weitere Massnahme zur Energiereduktion war die Isolierung des Daches und der Böden. Heute dient der alte Kassenraum mit seinen riesigen Fenstern als Esszimmer. Judin bestückte ihn mit einem riesigen Kronleuchter, der in den fünfziger Jahren für das Frankfurter Palmenhaus angefertigt wurde. Um authentisch zu bleiben, kleideten die Architekten die Innenräume mit neuen Kacheln aus. Für den Boden wählten sie Betonplatten, die geschliffen wie ein Terrazzoboden aussehen. In der ehemaligen Werkstatt befindet sich heute eine Edelstahlküche.
Neben der Kunst ist das Kochen Judins zweite grosse Leidenschaft, und in seiner neuen Küche kocht er problemlos Menus für 50 Gäste. Der Neubau, den die Architekten als Stahl-Beton-Bau planten, steht im rechten Winkel zum Altbau und ist durch eine Passerelle mit diesem verbunden. Das Erdgeschoss des neuen Trakts beherbergt die Bibliothek, die privaten Gemächer des Besitzers und ein Künstleratelier. Das obere Geschoss umfasst einen Ausstellungsraum. Die Fassade, teils aus Klar-, teils aus Milchglas, erhellt die Räume tagsüber mit einem gedämpften Licht, das den ausgestellten Kunstwerken schmeichelt. Nachts wird das Gebäude zur riesigen Laterne.

Blick aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Die Sofas sind Originale von Knoll, die mit einem neuen Stoff von Kvadrat bezogen wurden.
Dem Besitzer wie den Architekten war es wichtig, dass sich der Neubau der alten Tankstelle formal unterordnet und ihr einen würdigen Rahmen gibt. Der Bau aus den fünfziger Jahren gab mit seinen Säulen in flammendem Rot und den hellgelben Kacheln auch das Farbkonzept vor. Gemeinsam mit dem Bewohner erarbeitete das Architektenteam eine Palette von warmen und kühlen Grautönen, welche die Originalfarben ergänzen.

Bambus und verschieden hohe Blumenrahmen den bekiesten Hof ein, in dessen Mitte sich das Pumpsäulendach über einer Betoninsel erhebt.
Den Aussenraum schliesslich gestaltete der bekannte Schweizer Landschaftsarchitekt Guido Hager. Die Umgebung der Tankstelle mit Hochbahn, Parkplätzen und Verkehr ist zwar von rauem urbanem Charme, liefert jedoch wenig Inspiration für eine Gartengestaltung. Judin hatte kurz zuvor eine Ausstellung über die Gärten der Qing-Kaiser in China gesehen, weshalb ihm Pinienbäume, Bambus und Kirschblüten vorschwebten. Hager stellte sich die Atmosphäre eines Fellini-Filmes vor: «Ich sah ‹Giulietta degli Spiriti› vor meinem inneren Auge, Sommerhitze, Pinien, das Zirpen von Grillen.»
Mit solchen Bildern als Inspiration liess der Landschaftsarchitekt mitten in der Stadt eine Oase entstehen. Um das Grundstück errichtete er eine Mauer und bepflanzte es mit 50-jährigen Pinien und üppig blühenden Kirschbäumen, die ein natürliches Dach formen. Bambus sowie unterschiedlich hohe Blumen rahmen und strukturieren den bekiesten Hof, in dessen Mitte sich das Pumpsäulendach über einer Betoninsel erhebt. Auf einer Seite legte Hager einen 18 Meter langen Teich mit Wasserlilien und Iris an.

Das neue zweistöckige Gebäude ist eine Stahl-Beton-Konstruktion mit Wänden aus klarem Glas und Milchglas.
Judin fühlt sich in seinem ungewöhnlichen Zuhause wohl. «Obschon es sich an einer sehr belebten Ecke der Stadt befindet, fühle ich mich nicht ausgestellt», sagt er. «Die Bäume und die Gartenmauer schützen mich.»
Einen speziellen Moment erlebte der Bewohner eines Winterabends, als er am Tisch beim Essen sass. Es war schon dunkel, und die S-Bahn, die normalerweise auf ihrem Hochtrassee vorbeirast und den Passagieren bloss einen flüchtigen Blick auf die ehemalige Tankstelle erlaubt, blieb wegen heftigen Schneefalls genau gegenüber stehen. So wurden die Zugpassagiere des merkwürdigen Wohnhauses gewahr, das da zwischen den Bäumen aus dem Dunkeln leuchtete.
Wahrscheinlich fühlten sich bei diesem Anblick nicht wenige an die melancholischen Kunstwerke von Edward Hopper erinnert. Eine Vorstellung, die dem kunstliebenden Bewohner schmeichelt.

Im oberen Stock des Neubaus befindet sich ein Ausstellungsraum, für den Glaswände optimale Lichtverhältnisse schaffen. Im Bild Werke von Alex Ross.
Adressen
Die Tankstelle, Bülowstrasse 18, D-10783 Berlin
Nolan Judin Berlin,
Heidestrasse 50,
D-10557 Berlin
Tel. 0049 30 39 40 48 40
BFS D Bröer Flachsbarth Schultz, Büro für Architektur und Design, Kochstrasse 73, D-10969 Berlin, Tel. 0049 30 61 62 92 85
Planbb, Thomas Brakel,
Grossgörschenstrasse 15
D-10829 Berlin,
Tel. 0049 30 86 42 01 45
Hager Landschaftsarchitektur, Bergstrasse 85
CH-8032 Zürich,
Tel. 0041 44 266 30 30
Hersteller
Knoll
Kvadrat
MKN
Text:Mirko Beetschen
Fotos:Annette Kisling
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