Luxuriöses Wohnen in der Schweiz

Luxuriöses Wohnen
in der Schweiz:

Schöne Aussichten.

BILANZ Homes 04/2011 vom 4. November 2011

SCHLAFGEMACH. Das schmale Daybed im Schlafzimmer des Obergeschosses war früher platzsparende Ruhestatt in einem Maiensäss.

SCHLAFGEMACH. Das schmale Daybed im Schlafzimmer des Obergeschosses war früher platzsparende Ruhestatt in einem Maiensäss.

Engadiner Geschichten

Morsche Böden, brüchige Mauern – und eine verliebte Innendekorateurin: Wie aus einem baufälligen Engadinerhaus ein Bijou für modernes Wohnen entstand.

 

Sie kam. Sah nur wenig. Und war sofort elektrisiert.

«Der Boden mit den dicken Holzbohlen, die Decken – alles original», erinnert sich Helen Ulmer an ihren ersten flüchtigen Eindruck vom alten Bauernhaus an der Dorfstrasse in Ardez im Unterengadin. Nur den dunklen Sulèr, Vorraum zu den Erdgeschossräumen und früher Zugang zur Scheune, konnte sie betreten. Die Türen zur Arvenholzstube, zur Küche und zur Speisekammer unter dem Kreuzgratgewölbe waren geschlossen. Dennoch: «Ich war hin und weg.»

Die ersten Ideen für die Renaissance des stattlichen Engadinerhauses aus dem Jahr 1591 wurden schon in diesen allerersten Augenblicken geboren. Helen Ulmer, von Beruf Innendekorateurin, weiss, wie man Neues in der Tradition heimisch macht und dabei auch zu unkonventionellen Lösungen vordringt. «Alte Häuser sind mein Ansporn», sagt die gebürtige Stadtzürcherin. «Seit dreissig Jahren habe ich immer wieder ein altes Haus gefunden, es umgebaut und weitergegeben.» Wenn es hoch oben liegt, umso besser: «Ich bin eine Bergziege.»

 

IDYLLE. Das Haus liegt an der Via Maistra von Ardez. Die Tür im Rundbogen führt zum Restorant 121, das die Hausherrin Helen Ulmer im Souterrain eingerichtet hat.

IDYLLE. Das Haus liegt an der Via Maistra von Ardez. Die Tür im Rundbogen führt zum Restorant 121, das die Hausherrin Helen Ulmer im Souterrain eingerichtet hat.

 

Ureigener Charakter. Das Bauerndorf Ardez liegt 1470 Meter hoch, auf einer Sonnenterrasse am Südhang der Silvretta, und es hat, das ist Helen Ulmer wichtig, «noch einen ureigenen guten Charakter». Aber auch in Ardez bleibt die Zeit nicht stehen. Der Bauer von gegenüber und seine sechzig Schafe, die im Stall überwintern, werden beispielsweise demnächst ausziehen, und dann wird wieder ein Haus in eine Zweitresidenz umgewandelt. Gerüste an den historischen Fassaden künden vielerorts von Besitzerwechseln, die in Ardez gerade vollzogen werden. Ins Dorfkonzert mit seinem Gackern, Blöken und Zwitschern mischt sich das nachdrückliche Hämmern der Zimmerleute.

Die Chasa Markés, in die Helen Ulmer sich sofort verliebte, war lange Zeit das Engadiner Ferienhaus des Basler Goldschmieds und Antiquitätensammlers Otto Markés und seiner Familie. Zwei Jahre musste Helen Ulmer warten, bis die Vorbesitzerin zum Verkauf bereit war. «Und dann sagte sie: ‹Ich gebe das Haus nur jemandem, der mir sehr sympathisch ist und dem ich vertrauen kann.›» Die Chasa Markés sollte nicht renditeträchtig in mehrere Wohnungen aufgeteilt werden.

 

PRIVATE DINING: Für intime Essen wie geschaffen sind die Gewölberäume im ehemaligen Stallbereich, der Cuort. Die Stühle am Tisch für zwei oder drei Personen stammen von Flexform (Modell Pausa).

PRIVATE DINING: Für intime Essen wie geschaffen sind die Gewölberäume im ehemaligen Stallbereich, der Cuort. Die Stühle am Tisch für zwei oder drei Personen stammen von Flexform (Modell Pausa).

 

Alles, was zu Haus und Haushalt gehörte, war noch da: Geschirr, Besteck, Dosen voll Kaffee und Tee, die Kutsche, eine Bibliothek mit rätoromanischen Büchern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Viele Antiquitäten: wertvolle Truhen und Schränke, die – auch das war eine Bedingung – an Ort und Stelle bleiben sollten und die nun, nachdem sie in St. Moritz restauriert worden sind, als museale Stücke das Haus schmücken.

Tägliche Überraschungen. Ihren Umbau-Architekten fand Helen Ulmer direkt vor der Tür: Das Turmhaus gleich gegenüber, das im 17. Jahrhundert vom Bündner Adelsgeschlecht von Planta aufgestockt und nobilitiert worden war, renovierte Duri Vital für seinen älteren Bruder, den Künstler Not Vital. Der Architekt aus dem nahen Sent ist Experte für die Balance zwischen historischer Bauweisheit und modernem Wohnen. Rund ein Dutzend Engadinerhäuser hat Vital bisher in zeitgemässe Domizile verwandelt, wo es sich nun dank Erdwärme auch in den langen Wintern komfortabel wohnen lässt. «Stein, Holz, Eisen, Kalk, da kann man nichts falsch machen», sagt Vital, der um sich herum ein Team von erstklassigen Handwerkern aufgebaut hat, über seine elementaren Materialien. «So sind die Häuser gebaut, und deshalb stehen sie noch da. Die neuen werden nicht 400 Jahre halten.»

 

GASTSTÄTTE: An drei Abenden pro Woche bewirtet Helen Ulmer im Winter die Gäste ihres Restaurants am langen Klostertisch. Zum stimmungsvollen Engadiner Ambiente gehört auch die Bibliothek im Hintergrund mit alten romanischen Bibeltexten.

GASTSTÄTTE: An drei Abenden pro Woche bewirtet Helen Ulmer im Winter die Gäste ihres Restaurants am langen Klostertisch. Zum stimmungsvollen Engadiner Ambiente gehört auch die Bibliothek im Hintergrund mit alten romanischen Bibeltexten.

 

Auf die täglichen Überraschungen, die in morschen Böden und brüchigen Mauern lauern, richtet sich Vital ein, indem er sein Ein-Mann-Büro an die jeweilige Baustelle verlegt und die Stube zu seiner Basisstation macht. Denn obwohl die prächtigen Engadinerhäuser alle nach demselben Prinzip errichtet wurden, hat doch jedes seinen eigenen Charakter und seine eigene Geschichte.

«Die Chasa Markés war in einem desolaten Zustand. Es hatte in ihrer Geschichte aber keinen schlimmen Umbau gegeben. Also musste ich wenig herausreissen», erklärt Vital. Wie in vielen Häusern hatte man auch hier in den fünfziger oder sechziger Jahren den gemauerten, weiss verputzten Ofen in der Stube mit Kacheln verpackt. «Bessere Wärmeabstrahlung, aber optisch katastrophal», so Vital. Über die Kacheln liess er einfach einen Putz legen. Nun passt der Ofen wieder in die Stüva mit ihrer Arvenholztäfelung, der Deckenöffnung zur Schlafkammer im Obergeschoss und dem Nussbaumbuffet aus dem 18. Jahrhundert, als man die Stuben eleganter gestalten wollte.

Im geräumigen Sulèr, über dessen sechs Zentimeter dicke Holzbretter früher die Pferdewagen mit dem Heu in die Scheune gezogen wurden, hat Helen Ulmer ihren Wunsch verwirklicht: eine kuschelige «Schlafkiste». Mit dem Badezimmer, das in der ehemaligen Chamineda, der Speisekammer, eingerichtet ist, wurde das Erdgeschoss zur kompletten Wohnung.

 

«Die Häuser sind so gebaut, dass sie 400 Jahre halten.»

 

Gäste des Hauses können die beiden Ebenen darüber durch einen neu geschaffenen zweiten Eingang betreten. Den hat Vital gartenseitig geöffnet, dort, wo früher die Nische für das Plumpsklo in die Aussenmauer integriert war.

Den Dachstock bauten die Innendekorateurin und der Architekt zu einem lichten Loft aus – mit Öffnungen zu den Unterengadiner Dolomiten, zur Schlossruine Steinsberg, zu den Wiesenhängen hinter dem Haus und den Arvenwäldern. Eine eingeschnittene Dachterrasse huldigt dem Himmel über Ardez.

Erfüllter Jugendtraum. «Ein Privileg, so zu leben», schwärmt Helen Ulmer, «und ich habe auch viel dazugelernt.» Damit meint sie nicht nur den Umbau, sondern vor allem auch das Abenteuer, in das sie sich danach stürzte.

Die Cuort, der Stallvorraum unter dem Sulèr, wo früher die Mistlege und die Vorratskeller waren, wurde bei der Renovation fünfzig Zentimeter tiefer gelegt und mit handsortierten Steinen vom Inn-Ufer über der Bodenheizung gepflästert. Hier wollte eine Freundin von Helen Ulmer eine Weinhandlung einrichten. Als nichts daraus wurde, «habe ich endlich meinen Jugendtraum verwirklicht: ein eigenes Restaurant».

 

BESITZERSTOLZ. Innendekorateurin Helen Ulmer pflegt ihre Leidenschaft für alte Häuser, hier in der Stüva des Erdgeschosses.

BESITZERSTOLZ. Innendekorateurin Helen Ulmer pflegt ihre Leidenschaft für alte Häuser, hier in der Stüva des Erdgeschosses.

 

WASCHECKE. Die ehemalige Speisekammer beherbergt jetzt das Badezimmer. Passend zum Kreuzgewölbe: der Spiegelrahmen, den Helen Ulmer bei einem Antiquitätenhändler im Walsertal fand (Aufsatzbecken von Alape, Armatur Tara von Dornbracht).

WASCHECKE. Die ehemalige Speisekammer beherbergt jetzt das Badezimmer. Passend zum Kreuzgewölbe: der Spiegelrahmen, den Helen Ulmer bei einem Antiquitätenhändler im Walsertal fand (Aufsatzbecken von Alape, Armatur Tara von Dornbracht).

 

An drei fein gedeckten Tischen in drei Räumen verwöhnt Helen Ulmer seit Anfang des Jahres ihre Gäste – im Winter an drei Abenden pro Woche, im Sommer nur auf Voranmeldung. Wer nach dem Private Dining bei Kerzenlicht am liebsten bleiben möchte, darf das: Helen Ulmer vermietet das Dachgeschoss als Ferienwohnung.

Begeisternde Rundgänge. Viel Zeit, die Umgebung zu erkunden, hatte die Ardezer Neubürgerin noch nicht. Abends, wenn in den Gassen und auf den Plätzen nur noch das Plätschern der Brunnen zu hören ist und die Bergspitzen in den letzten Sonnenstrahlen leuchten, macht sie jeweils einen Rundgang. «Ich bin begeistert von der Schönheit des Ortes», sagt Helen Ulmer. Nur: «Ich bewohne mein grosses Haus allein. Das ist völlig absurd. Denn ich bin ein Mensch, der am liebsten in einer Puppenstube leben möchte. Mit ganz niedrigen Decken und Fenstern so weit unten, dass ich aufs Gras sehen kann.»

Wenn es eines Tages also auf ihrem Lebensweg liegen sollte, ein kleines, ganz einfaches und natürlich historisches Haus, dann, gibt Helen Ulmer zu, könne sie für nichts garantieren: «Ich würde das Ardezer Haus meinem Sohn übergeben und wieder umziehen. Alte Häuser sind eben meine Leidenschaft.»

 

NISCHENPLATZ. Der typische schmale Arbeitstisch eines Engadiner Bauern schmückt jetzt die gemütliche Ecke im Eingangsbereich.

NISCHENPLATZ. Der typische schmale Arbeitstisch eines Engadiner Bauern schmückt jetzt die gemütliche Ecke im Eingangsbereich.

 

Kontakt:

Restaurant und Ferienwohnung in Ardez:

www.restorant121.com

 

Ruth Händler, Text
Quirin Leppert, Fotos

BILANZ Homes 04/2011 vom 4. November 2011

 

Themenübersicht Heft Nr. 4/11
vom 4. November 2011

 

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Bergromantik: Wie aus einem 400 Jahre alten Engadinerhaus ein Wohn-Bijou entstand

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